Jeder Moment ist Ewigkeit

Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt

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  • ISBN: 978-3430202121
  • Mein Rating: 9/10

Jeder Moment ist Ewigkeit ist die Autobiografie von Lynsey Addario, einer Fotojournalistin, die aus Krisengebieten berichtet, unter anderem für die New York Times und National Geographic. Illustriert ist das Buch mit zahlreichen ihrer Fotos.

Ich fand Jeder Moment ist Ewigkeit ein äusserst faszinierendes Buch, welches mir einen kleinen Einblick gewährt hat in die gefährliche Arbeit von Fotografen in Krisenregionen. Teilweise liest es sich wie ein Thriller. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch eines Tages verfilmt wird. Bei den Fotos fand ich es schade, dass bei manchen eine Bildlegende fehlte.

Meine Notizen

Prolog: Adschdabija, Libyen, März 2011

Gemeinsam mit anderen Journalisten sah ich mir ein Auto an, das am Morgen bei einem Luftangriff getroffen worden war. Das Heckfenster war herausgesprengt, über die Rückbank lagen menschliche Überreste verteilt und in der Hutablage steckten Schädelsplitter.

Der Fotograf Robert Capa sagte einmal: "Wenn deine Fotos nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran." In Libyen gab es nichts zu fotografieren, wenn man nicht nah genug dran war. Doch wenn man nah genug dran war, war man in der Schusslinie.

Bis zu dem Augenblick, in dem man verwundet, verschleppt oder erschossen wird, glaubt man, unbesiegbar zu sein.

In Kriegsgebieten reisen Journalisten oft in Konvois von mindestens zwei Wagen, um nicht zu stranden, wenn eines der Fahrzeuge ausfällt. Und wenn eines der Autos getroffen wird, ist die Zahl der Opfer geringer.

Französische Journalisten sind als besonders furchtlos und tollkühn bekannt. Ein geflügeltes Wort unter den Kriegsberichterstattern lautet: "Wenn die Franzosen ein Kampfgebiet vor dir verlassen haben, bist du geliefert."

Die Fotografie hat mein Weltbild geprägt. Sie hat mich gelehrt, über meine eigene Realität hinauszublicken und die Welt dort draussen wahrzunehmen. Sie hat mich gelehrt, jenes Leben zu schätzen, in das ich zurückkehren kann, wenn ich die Kamera weglege.

Ich entdecke die Welt

In New York bekommst du keine zweite Chance

Nachdem die Affäre einige Jahre gedauert hatte, war mein Vater schliesslich in der Lage, sich einzugestehen, dass er einen Mann liebte.

Tagsüber machte ich ein Praktikum bei einem Modefotografen, der für Kataloge fotografierte. Ich fand diese Arbeit furchtbar. Sie war zu vorhersehbar.

Wie viele Kinder haben Sie?

Für einen Journalisten gibt es kaum eine schlimmere Erfahrung als die mühevolle Beschaffung eines Visums, bei der er oft der Willkür von Bürokraten ausgeliefert ist.

"Du musst jeden Tag ins Visumsbüro gehen und mit dem zuständigen Mitarbeiter Mohammed Tee trinken. Nur so kannst du sicherstellen, dass dein Antrag wirklich nach Kabul geschickt und bearbeitet wird."

Wir fuhren schweigend durch eine atemberaubende Landschaft, die wie aus einer anderen Welt wirkte. Alle paar Kilometer kamen wir an den zerschossenen Überresten eines russischen Panzers vorbei, die den Reisenden daran erinnerten, dass sich hinter der Schönheit dieses Landes eine Geschichte der Gewalt und der Kriegswirren verbarg.

"Die Burka zu tragen ist nicht das Problem. [...] Das Problem ist, dass wir nicht arbeiten dürfen." Was sie sagte, überraschte mich. Angesichts der umfassenden Unterdrückung der Frauen in Afghanistan war es naiv gewesen anzunehmen, das Tragen einer Burka sei eine ihrer vorrangigen Beschwerden. Die Burka empfanden sie lediglich als oberflächliche Einschränkung – schliesslich verfüllte sie nicht ihren Geist, sondern nur ihren Körper.

Wir sind im Krieg

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Die Jahre nach 9/11

Sie als Amerikanerin sind hier nicht mehr willkommen

In der Zeit nach dem 11. September bot sich jungen Fotografen, die sich ins Zeug legten und bereit waren, an Orten wie Pakistan und Afghanistan – und später im Irak – zu arbeiten, eine unvergleichliche Gelegenheit, sich einen Namen zu machen.

In meinen zeltartigen Tschador gehüllt, war ich eine der wenigen Frauen, die sich zu diesen Kundgebungen wagte [...]. Obwohl ich wie eine Muslimin gekleidet war und nicht eine einzige Haarsträhne preisgab, erkannten die Pakistaner, dass ich Ausländerin war, denn ich hatte einen Fotoapparat dabei und arbeitete: Ich wagte es, in die Welt der Männer einzudringen. In ihren Augen war das Grund genug, mich am ganzen Körper anzufassen.

Vor Kugeln fürchte ich mich weniger

Es kam mir nicht in den Sinn, dazubleiben und die Szene zu fotografieren. Ein im Krieg erfahrener Fotograf hätte es geschafft, dortzubleiben, das Wrack, die Verwundeten und Toten zu fotografieren, aber ich war jung, und dies war meine erste Bombe.

Es war offenkundig, aber ich hatte nicht gewusst, dass Krieg Tod bedeutete – und dass in einem Krieg auch Journalisten sterben konnten. Jetzt versteckte ich mich hinter dem Krankenhaus, denn ich schämte mich für meine Tränen und meine Furcht. Ich fragte mich, ob ich genug Kraft für diesen Job hatte, und begann hemmungslos zu weinen.

Sag der Frau, dass wir ihr nichts tun werden

Jeden Tag kam es zu zwei oder drei Bombenanschlägen. Wir gewöhnten uns daran. Meine Einschätzung der Gefahr begann sich mehr und mehr zu verzerren, ich verlor jegliches Angstgefühl. Ich lief nicht mehr vor den Explosionen davon, sondern geradewegs auf sie zu. Mich interessierte nur eins: Die unauslöschlichen Bilder des Krieges sollten die Titelseiten der Zeitung besudeln, damit unsere Politiker sahen, wohin ihre Entscheidung für die Invasion im Irak geführt hatte.

Wir gingen unsere Tarnung noch einmal durch: Egal, was passierte, ich war Italienerin und Matthew Grieche. Unter keinen Umständen durften wir Amerikaner sein.

Im Irak gilt es als Zeichen der Gastfreundschaft, jemandem Wasser anzubieten. Für uns war es ein entscheidender Augenblick: Wir waren keine Feinde mehr, sondern Gäste.

Ich akzeptierte die Angst als Begleiterscheinung des Wegs, den ich gewählt hatte. Aber ich setzte ein Testament auf. Bei der Entführung im Irak hatte ich zum ersten Mal wirklich geglaubt, dass ich sterben würde, und obwohl ich ausser meinen Fotos nichts besass, war mir meine Sterblichkeit bewusst geworden.

Fast so etwas wie ein Gleichgewicht

Frauen sind Opfer ihres Geburtsorts

Am zweiten Tag wurde das Wasser knapp, und es war kein Brunnen in Sicht. Wir hatten geglaubt, in Darfur irgendwo Flaschenwasser kaufen zu können. Was für eine Dummheit: In den Dörfern, die wir durchquerten, gab es keine richtigen Läden.

Alle paar Kilometer versanken die Räder im Sand und gruben sich immer tiefer ein. Oder der schrottreife Pick-up versagte den Dienst. Dann sassen wir stundenlang fest, während sich ein oder zwei Männer mit einem Schraubenzieher oder einem anderen uralten Werkzeug am Motor zu schaffen machten. [...] Wie durch ein Wunder sprang der Motor jedes Mal wieder an, aber wir brauchten fast drei Tage, um 30 Kilometer in den Nordwesten von Darfur vorzudringen.

So furchtbar der Konflikt war, so schön waren die Protagonisten: Sie trugen leuchtende Farben und zeigten trotz all ihrer Not oft ein breites Lächeln. Die Sudanesen waren liebenswerte, freundliche , unbeugsame Menschen, und das wollte ich in meinen Fotos hervorheben. Der Versuch, einen Konflikt in schönen Bildern darzustellen, mochte paradox wirken, aber ich stellte fest, dass meine abstrakteren Bilder aus Darfur ungewöhnlich starke Reaktionen bei den Lesern provozierten.

Erledige deine Arbeit und komm zurück, wenn du fertig bist

Die Tristesse und Ungerechtigkeit, die ich als Journalistin sah, konnten mich entweder in die Verzweiflung treiben oder ein Anstoss sein, mein Leben mit anderen Augen zu sehen. Ich wählte die zweite Option.

Der gefährlichste Ort der Welt

Wir hatten Anweisung, uns stets etwa sieben Meter hinter dem vor uns gehenden Soldaten zu halten, da die Einheit so geringere Verluste erleiden würde, wenn wir in einen Hinterhalt gerieten oder eine Landmine explodierte. Im Fall eines Angriffs hatten wir die Anweisungen des uns "zugeteilten" Soldaten zu befolgen. Normalerweise lautete der Befehl "Hinlegen!" oder "Laufen!". Ein Teil von mir hoffte insgeheim immer auf ein kurzes Feuergefecht, denn irgendwann hatte ich genug Fotos von Soldaten im Kasten, die Wache standen oder mit Dorfbewohnern sprachen. Aber wenn die Kugeln zu fliegen begannen, betete ich nur darum, dass das Gefecht rasch enden möge.

Diese jungen Männer, die daheim in einer Bar sitzen, Bier trinken und ihre Jugend geniessen sollten, trugen den leblosen Körper ihres Freundes durch die einsamen Berge Afghanistans.

Die Begegnung mit dem Tod und die Verschiebung meiner körperlichen und geistigen Grenzen machten mir die Schönheit des alltäglichen Lebens bewusst.

Fahrer gestorben

"Madam", sagte Halim, "die Männer sind besorgt, dass sie durch den Schleier den Tee nicht trinken können. Aber sie möchten wirklich, dass sie ihren Tee trinken." [...] Nur Muslime konnten derart gastfreundlich sein, dass sie die Vorstellung nicht ertragen konnten, ein Gast könne seinen Tee nicht anrühren. [...] "Ich weiss, wie wir es machen! Sie können sich mit dem Rücken zu uns in eine Ecke stellen, den Schleier hochheben und ihren Tee trinken. Wenn sie ihn ausgetrunken haben, können sie den Schleier wieder herunterschlagen." So kam es, dass ich in einem Raum, in dem sich einige der unversöhnlichsten Feinde der Vereinigten Staaten befanden, in einer Ecke stand und die Wand anstarrte, während ich meinen Tee trank.

Der Autounfall in Pakistan war nur eine weitere Gelegenheit, bei der ich relativ unversehrt dem Tod entronnen war, und jedes Mal, wenn ich eine gefährliche Situation überlebt hatte, wurde mir bewusst, dass mein Glück irgendwann aufgebraucht sein würde.

Leben und Sterben

Heute Nacht wirst du sterben

Ich hatte es mit einem arabischen Mann zu tun, der so wenig Selbstachtung besass, dass er eine gefesselte und vollkommen wehrlose Frau ins Gesicht schlagen konnte. [...] Es war einer der wenigen Augenblicke in meinem Leben, in dem ich fürchtete, vergewaltigt zu werden.

Gleichgültig, wie er am Ende gestorben war – ob er nun im Kreuzfeuer von einer Kugel getroffen oder von einem der Soldaten hingerichtet worden war –, wir hatten ihn mit unserer Weigerung getötet, rechtzeitig das Weite zu suchen.

Wir sassen stundenlang gefesselt und wehrlos in diesen Autos, während rund um uns Artilleriegeschosse einschlugen.

Seit wir am Morgen in die Hände dieser Soldaten gefallen waren, hatte ich mich damit abgefunden, dass ich wahrscheinlich sterben würde, und jede Minute, die ich seitdem gelebt hatte, war wie ein Geschenk gewesen. Ich konzentrierte mich auf den Augenblick, darauf, am Leben zu bleiben und mich nicht von meinen Emotionen überwältigen zu lassen.

Er war ein Bruder, und ich vermisse ihn

Überall wurde uns die unvermeidliche Frage gestellt, und meine Antwort stand fest: Ich wusste, dass ich weiter über Kriege berichten würde. Das Schlimmste an der Erfahrung in Libyen war, dass wir die Menschen, die wir liebten, gezwungen hatten, all das durchzumachen. Aber das war der Preis, den ich dafür zahlen musste, dass ich diesem Beruf nachging – geliebte Menschen litten, und ich litt, wenn sie litten.

Ich rate Ihnen, nicht zu reisen

Ich musste nach Somalia und den Ursprung der Krise dokumentieren. Und gerade weil nur wenige Journalisten aus Somalia berichteten, hielt ich es für wichtig, dorthin zu fahren. Aber das bedeutete, dass ich im sechsten Schwangerschaftsmonat und weniger als sechs Monate nach meiner spektakulären Verschleppung in Libyen nach Mogadischu reisen musste, in die Entführungshauptstadt der Welt.

Wenn ich Menschen so in ihrem Elend fotografierte, fühlte ich mich stets furchtbar, aber ich hoffte, dass meine Bilder die Weltöffentlichkeit auf die verzweifelte Lage dieser Menschen aufmerksam machen und Lebensmittelhilfe und medizinische Unterstützung nach sich ziehen würden.

Lukas

Als Kriegsberichterstatterin und Mutter habe ich gelernt, in zwei verschiedenen Wirklichkeiten zu leben. Es ist nicht immer leicht, aus einem idyllischen Londoner Park, in dem es von Kindern wimmelte, in ein verwüstetes Kriegsgebiet zu wechseln, aber das ist, wofür ich mich entschieden habe. Ich habe mich entschlossen, in Frieden zu leben und Zeugin des Kriegs zu sein. Ich sehe das Schlimmste, was Menschen einander antun, aber ich vergesse ihre Schönheit nicht.

Epilog: Rückkehr in den Irak

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