Camus

Das Ideal der Einfachheit

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  • ISBN: 978-3498057893
  • Mein Rating: 6/10

Camus ist eine Biografie des französischen Schriftstellers Albert Camus, der im Jahr 1957 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde.

Ich fand Camus eine interessante Biografie eines mir unbekannten Schriftstellers. Teilweise hatte ich jedoch das Gefühl, dass mir das nötige Hintergrundwissen fehlte, weil ich keines seiner Werke gelesen habe und mit seiner Philosophie nicht vertraut war.

Meine Notizen

Die Mutter

Catherine Camus bleibt die wichtigste Frau seines an Frauen reichen Lebens – und sein grösster Schmerz. Die Frau, mit der er nie sprechen konnte, war zugleich die "Einzige, mit der er hätte sprechen können".

Die Abendunterhaltung der Familie besteht im Winter darin, die Stühle ans Fenster zu rücken und hinauszuschauen. Im Sommer stellt man die Stühle auf die Strasse und sieht den Passanten und den Strassenbahnen nach.

Camus' Leben beginnt im staubigen Stillstand einer monotonen Vormoderne, in der man viele Stunden am Tag hart arbeitet, um abends müde und erschöpft in den Himmel zu schauen, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Dem staatlichen Schulsystem Frankreichs und seinen strengen Lehrern hat er seine Karriere als Schriftsteller zu verdanken. Die Schule ist sein Nadelöhr in das Himmelreich der Gebildeten, der Bücher und Zeitungen, der Dichter und Intellektuellen.

Der Sommer

Der Weltliebhaber verabscheut das Fortschrittsethos – verzichte auf das einfache Glück, das du jetzt geniessen kannst, arbeite emsig und vertraue darauf, dass du morgen durch ein grösseres entlohnt wirst. Das Meer, der Himmel, die Sonne, die Frauen, die Blumen – das reicht ihm, solange das Wetter gut ist (nur bei schlechtem Wetter wäre er bereit, langfristige Lebensinvestitionen zu tätigen und zum Beispiel zu heiraten).

Der Schmerz

[...] mit 23 Jahren liegen eine schwere Krankheit, eine Ehe und eine aussichtslose Parteikarriere hinter ihm.

Dem mitteleuropäischen Arbeitsethos setzte er sein mediterranes Lebensethos entgegen: "Jedesmal, wenn man denkt und lebt, um etwas zu 'scheinen', begeht man Verrat."

Das Meer

Die Dinge arrangieren sich von selbst, es genügt, dass wir nicht eingreifen.

Jean Grenier

Er bekommt eine Stelle als Grammatiklehrer in Sidi-bel-Abbès, zwölf Zugstunden von Algier entfernt. Camus macht sich auf die Reise – um am nächsten Tag wieder zurückzufahren. Er hat es sich anders überlegt. Er möchte ein "wirkliches", kein "gesichertes" Leben führen. Er fürchtet die süsse Trägheit, die das Angestelltendasein bereithält: "Ich schreckte zurück vor dem Trübsinnigen und Lähmenden dieser Existenz. Wenn ich länger als ein paar Tage geblieben wäre, hätte ich mich sicher damit abgefunden."

Das Elend

Die anspruchslose, aufs Nötigste beschränkte Armutskultur der ursprünglichen algerischen Gesellschaft bleibt für ihn jedoch das Urmodell des guten Lebens: "Was kann ein Mensch sich Besseres wünschen als Armut? Ich habe nicht Elend gesagt und rede auch nicht von der hoffnungslosen Arbeit des modernen Proletariers. Aber ich sehe nicht, was man sich mehr wünschen kann als mit tätiger Musse verbundene Armut."

Die Welt

"Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann."

"Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heisst auf die Grundfrage der Philosophie antworten."

Die Ehre

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Die Menschen

Angesichts der kommenden Globalisierung, die Camus als einer der ersten Kommentatoren seiner Zeit klar voraussieht, hält er nationale Revolutionen genauso wie jede ausschliesslich national agierende Politik für rückwärtsgewandt. Sie sei nichts als ein romantischer Mythos. Die Zukunft Europas sei transnational, das Nationalstaatsdenken mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen. Camus ist einer der ersten bedingungslosen Europäer.

Camus hat einen Albtraum: Er träumt von einer Gesellschaft, in der "zweitausend Bankiers und Techniker über ein Europa von hundertzwanzig Millionen Menschen herrschen, wo das Privatleben vollständig mit dem öffentlichen Leben zusammenfällt, wo ein absoluter Gehorsam der Tat, des Gedankens und des Herzens" alles gleich und alles gleichermassen produktiv macht. Auch mit dieser Kritik an der ökonomischen Fortschrittsidolatrie [...] greift er seiner Zeit voraus. Schon zu Beginn der fünfziger Jahre ahnt er die drohende Verwandlung Europas in eine "Weltfabrik", in der das Leben uniformiert und "immer mehr vom Rhythmus der Produktion bestimmt wird". Er prognostiziert, dass die "wahren Leidenschaften" ökonomisiert und "die Verstümmelung der Menschen vervielfacht" werde. Während seine Kritik des Staatskommunismus nach dessen Untergang nachgerade prophetisch geworden ist, bleibt seine nicht minder visionäre Wachstumskritik noch zu entdecken.

Die Erde

Die Dramaturgie ist perfekt: Die grösstmögliche äussere Anerkennung [Nobelpreis für Literatur] fällt mit der grösstmöglichen inneren Krise zusammen.

Die Wüste

Die Wüste zwingt einen, alles abzuwerfen, was überflüssig ist. Und man stellt fest, dass so ziemlich alles überflüssig ist.

Edmond Jabès